Manchmal entsteht eine Ratgeberfrage bei uns ganz einfach im Alltag.
Wenn wir Ingo reinrufen, kommt es nämlich durchaus vor, dass er einfach liegen bleibt. Manchmal legt er sich sogar demonstrativ noch ein Stück zur Seite – fast nach dem Motto: „Wenn du möchtest, dass ich reinkomme, dann hol mich doch.“
Und irgendwann stellt man sich automatisch die Frage: Kann er gerade nicht – oder will er einfach nicht? Hat er mich überhaupt verstanden?
Bei Ingo ist die Antwort meistens ziemlich eindeutig: Ja, er hat sehr genau verstanden, was wir von ihm möchten. Er hält es nur offenbar nicht immer für notwendig, dieser Bitte sofort nachzukommen.
Genau solche Situationen sind für mich ein schönes Beispiel dafür, warum man beim Mastiff Intelligenz und Gehorsam nicht gleichsetzen sollte. Ein English Mastiff kann sehr intelligent sein, ohne jedes Kommando möglichst schnell und möglichst oft auszuführen. Mastiffs beobachten viel, lernen Alltagsabläufe und entwickeln dabei durchaus ihre eigenen Vorstellungen.
Was wir Menschen dann schnell als „stur“ bezeichnen, kann mit Eigenständigkeit, Motivation, Erfahrung oder schlicht mit der jeweiligen Situation zu tun haben.
Für mich ist der Mastiff deshalb kein Hund, der einfach nur funktionieren soll. Er darf mitdenken – und genau darin liegt ein großer Teil dessen, was diese Hunde für mich so besonders macht.

Wie intelligent ist ein Mastiff wirklich?
Eine seriöse Zahl oder einen wissenschaftlich belastbaren „IQ-Rang“ für den Mastiff gibt es nicht. Hündische Intelligenz besteht aus verschiedenen Fähigkeiten: Lernen und Erinnern, Problemlösen, Impulskontrolle, soziale Orientierung und die Fähigkeit, menschliche Signale zu verstehen.
Das ist auch der Grund, warum einfache Rasselisten schnell irreführen. Eine Untersuchung mit 1.002 Hunden aus 13 Rassen fand Unterschiede in einzelnen Aufgaben zur sozialen Kognition, Problemlösung und Impulskontrolle, aber keine signifikanten Rasseunterschiede bei den dort getesteten Aufgaben zu Gedächtnis und logischem Schlussfolgern. Der Mastiff wurde damit nicht als eigene Rasse „vermessen“. Die Arbeit zeigt aber gut, warum „intelligent“ bei Hunden nicht auf eine einzige Zahl reduziert werden sollte.
Wenn mich jemand fragt, ob ein English Mastiff intelligent ist, würde ich deshalb nicht mit einem Rangplatz antworten. Im Alltag interessiert mich viel mehr: Versteht der Hund Regeln? Kann er sich orientieren? Lernt er aus Erfahrungen? Kann er sich in neuen Situationen zurechtfinden? Und arbeitet er mit seinem Menschen zusammen?

Warum wirkt ein Mastiff manchmal stur?
Weil Verstehen und Ausführen zwei verschiedene Dinge sind. Ein Mastiff kann sehr wohl wissen, was von ihm erwartet wird, und trotzdem einen Moment zögern oder eine andere Motivation gerade wichtiger finden.
„Stur“ beschreibt zunächst nur, wie ein Verhalten auf uns wirkt. Es erklärt noch nicht, warum der Hund so handelt. Ein Signal kann noch nicht sicher gelernt sein, die Ablenkung kann zu groß sein, die Belohnung zu uninteressant oder der Hund kann müde, unsicher oder schlicht wenig motiviert sein.
Beim Mastiff kommt hinzu, dass wir über einen sehr großen und schweren Hund sprechen. Schon deshalb ist Reaktionsgeschwindigkeit ein schlechter Maßstab für Intelligenz. Eine Untersuchung zur wahrgenommenen Trainierbarkeit verschiedener Hunderassen kam zu dem Ergebnis, dass körperliche Unterschiede einen Teil solcher Einschätzungen erklären können: In den untersuchten Agility-Daten unterschieden sich Gruppen eher in der Geschwindigkeit als in der Präzision.
Wenn ein Mastiff also gemütlicher aufsteht als ein leichter, hochreaktiver Arbeitshund, sagt das noch nichts darüber aus, ob er das Signal verstanden hat.
Ich bezeichne den Mastiff manchmal als „Kopfrasse“. Das ist keine wissenschaftliche Einteilung, sondern meine persönliche Beschreibung: Ich erlebe ihn als Hund, der viel beobachtet und nicht jede Situation hektisch beantwortet. Genau dieses Thema spielt auch in unserem Ratgeber „Mastiff als Ersthund“ eine Rolle.

Wie lernen English Mastiffs am besten?
Nach meiner Erfahrung am besten mit Klarheit, Ruhe, Konsequenz und einer Motivation, die für den jeweiligen Hund wirklich Bedeutung hat. Lange Wiederholungsschleifen brauche ich nicht. Lieber wenige saubere Wiederholungen und ein verständliches Ziel.
Ein Signal sollte möglichst eindeutig sein. Wenn heute etwas erlaubt, morgen verboten und übermorgen wieder egal ist, wird es für jeden Hund unnötig schwierig. Beim Mastiff fällt das spätestens dann besonders auf, wenn aus dem kleinen Welpen ein sehr kräftiger erwachsener Hund geworden ist.
Ich würde Training deshalb alltagsnah aufbauen. Warten an der Tür, ruhig an der Leine gehen, sich anfassen lassen, auf seinen Platz gehen oder bei Aufregung wieder zur Ruhe finden sind für mich wertvoller als möglichst viele Kunststücke.
Das heißt nicht, dass ein Mastiff keinen Spaß an Tricks haben kann. Holly ist dafür ein schönes Beispiel: Sie ist im Alltag unsere ruhige, aufmerksame Rudelchefin. Sobald allerdings ein Hasenohr als Belohnung in Aussicht ist, bietet sie mit erstaunlichem Eifer gleich die Kunststücke an, die sie kennt. Das zeigt sehr schön, wie stark Motivation beeinflussen kann, was ein Hund gerade zeigt.

Wann sollte das Training mit einem Mastiff-Welpen beginnen?
Vom ersten Tag an – aber nicht als strenges Trainingsprogramm. Lernen beginnt bereits mit Routinen, Grenzen, Ruhe, Nähe und kleinen Alltagssituationen.
Ein Welpe lernt zum Beispiel, wo er schlafen kann, wie der Tagesablauf aussieht, ob Pfoten und Ohren ruhig angefasst werden dürfen und wie Menschen reagieren, wenn er etwas richtig macht. Das sind zunächst kurze, unspektakuläre Erfahrungen. Gerade sie bilden später die Grundlage.
Nach dem Einzug muss ein Mastiff-Welpe nicht sofort möglichst viele Kommandos beherrschen. Er verarbeitet schon durch das neue Zuhause enorm viele Eindrücke. Deshalb geben wir dem Ankommen, Schlafen und Beobachten viel Raum. Wie wir das sehen, beschreiben wir ausführlicher in „Mastiff-Welpe zieht ein“.
Ebenso wichtig ist die Sozialisation. Sie bedeutet für uns nicht, einen Welpen mit möglichst vielen Reizen zu konfrontieren, sondern ihm passende Erfahrungen in einem Tempo zu ermöglichen, das er verarbeiten kann. Mehr dazu steht in unserem Beitrag über die Sozialisation unserer Mastiff-Welpen.

Welche Fähigkeiten sind bei einem so großen Hund besonders wichtig?
Vor allem Fähigkeiten, die den Alltag sicher, ruhig und angenehm machen. Ein erwachsener Mastiff verfügt über enorme Masse und Kraft. Deshalb lohnt es sich, die unspektakulären Dinge früh aufzubauen.
Dazu gehören für mich:
- Orientierung am Menschen und eine vernünftige Leinenführigkeit,
- Warten an Türen, Toren und beim Ein- oder Aussteigen,
- ein verlässliches Abbruch- beziehungsweise Stoppsignal im Alltag,
- ruhiges Begrüßen von Menschen,
- entspanntes Handling von Pfoten, Ohren, Maul und Körper,
- ein gut aufgebauter Ruheplatz
- und die Fähigkeit, auch einmal nichts tun zu müssen.
Perfektion im Welpenalter ist dafür nicht nötig. Entscheidend ist, dass der Hund die Regeln Schritt für Schritt versteht und der Mensch sie verlässlich vermittelt.
Unser Rasseporträt zum English Mastiff geht ebenfalls darauf ein, warum Erziehung bei dieser Größe früh beginnen sollte. Dabei geht es nicht um Härte. Je besser ein Mastiff gelernt hat, sich freiwillig an seinem Menschen zu orientieren, desto weniger muss später über körperliche Kontrolle gelöst werden.
Wie sozial intelligent ist ein Mastiff?
Mastiffs können Menschen und Situationen sehr aufmerksam beobachten. Ich würde daraus aber keine wissenschaftliche Behauptung machen, dass der Mastiff anderen Rassen grundsätzlich in „sozialer Intelligenz“ überlegen ist.
Hunde als Art verfügen über bemerkenswerte Fähigkeiten im Umgang mit menschlichen Signalen. Wie stark einzelne Fähigkeiten ausgeprägt sind, unterscheidet sich jedoch von Hund zu Hund und teilweise auch zwischen Rassen und Zuchtlinien.
Zum Mastiff passt die soziale Orientierung dennoch gut zu dem Wesen, das der FCI-Rassestandard beschreibt: ruhig, dem Besitzer gegenüber anhänglich, wachsam und Fremden gegenüber meist indifferent. Das ist eine Beschreibung des gewünschten Temperaments, kein Intelligenztest.
In unserem Alltag fällt mir vor allem das genaue Beobachten auf. Miss Marple schaut sich Situationen gern erst einmal an und möchte dann natürlich wissen, was passiert. Holly behält Menschen und Hunde im Blick. Greta ist deutlich lebhafter und neugieriger. Solche Unterschiede zeigen für mich besser als jede Rangliste, wie verschieden Intelligenz und Temperament sichtbar werden können.

Sind alle Mastiffs gleich intelligent und gleich gut trainierbar?
Nein. Die Rasse gibt natürlich einen gewissen Rahmen vor, aber am Ende hat jeder Mastiff seine eigene Persönlichkeit. Aufzucht, Erfahrungen, Motivation, Erziehung und Temperament spielen dabei zusammen.
Das sieht man schon bei unseren eigenen Hunden sehr schön. Holly ist ruhig und aufmerksam, kann bei der richtigen Belohnung aber plötzlich großen Arbeitseifer entwickeln. Magnus ist gelassen und eher unabhängig. Greta ist lebhaft, neugierig und möchte wissen, was passiert. Miss Marple beobachtet gern zuerst und bringt gleichzeitig ihre eigenen Vorstellungen mit.
Und Ingo? Der versteht durchaus, dass wir ihn gerade reinrufen. Das heißt nur noch lange nicht, dass er deshalb sofort aufsteht.
Keiner von ihnen ist dadurch „intelligenter“ oder „dümmer“. Sie lösen Situationen einfach unterschiedlich und haben unterschiedliche Dinge, für die sie sich begeistern lassen. Genau deshalb lohnt sich auch ein Blick auf unsere English Mastiffs: Schon innerhalb eines Rudels merkt man schnell, wie wenig eine einzige Schublade dem Mastiff gerecht wird.

Kann ein intelligenter Mastiff trotzdem schwierig zu erziehen sein?
Natürlich. Intelligenz macht Erziehung nicht automatisch einfach. Ein Hund kann sehr schnell lernen – und ebenso schnell lernen, dass Ziehen ihn ans Ziel bringt, Betteln Erfolg hat oder Regeln nur gelten, wenn der Mensch gerade hinsieht.
Gerade bei einem Mastiff sind Konsequenz und Alltagstauglichkeit deshalb wichtiger als die Frage, wie viele Kommandos er kennt. Ein Hund, der zehn Tricks kann, aber mit seinem Gewicht ungebremst durch eine Tür drängt, ist im Alltag schlechter vorbereitet als ein Hund mit wenigen, dafür zuverlässigen Grundlagen.
Wer noch nie einen Hund hatte, muss deswegen nicht automatisch auf einen Mastiff verzichten. Wichtiger sind Lernbereitschaft, realistische Erwartungen und die Bereitschaft, früh an den wichtigen Dingen zu arbeiten. In unserem Beitrag „Mastiff als Ersthund“ erklären wir genauer, worauf es dabei ankommt. Und wer grundsätzlich noch prüft, ob diese Rasse zum eigenen Leben passt, findet im 7-Tage-Alltagstest eine ehrliche Orientierung.
Mein Fazit: Ein Mastiff denkt mit
Für mich ist der Mastiff ein intelligenter Hund – nur eben nicht unbedingt ein Hund, der Intelligenz durch schnellen Gehorsam zeigt. Seine Stärke liegt im Alltag oft im Beobachten, Einordnen, Erinnern und in der engen Zusammenarbeit mit den Menschen, denen er vertraut.
Dass ein Mastiff manchmal erst schaut, bevor er handelt, oder für die zehnte identische Wiederholung wenig Begeisterung zeigt, würde ich nicht vorschnell als Dummheit bezeichnen. Entscheidend ist, ob wir verständlich kommunizieren, passend motivieren und ihm zeigen, welches Verhalten sich lohnt.
Und manchmal ist die Antwort auf die Frage „Hat er mich überhaupt verstanden?“ tatsächlich ganz einfach: Ja. Er überlegt nur noch, ob das Aufstehen jetzt wirklich nötig ist.
Vielleicht ist genau das eine der Eigenschaften, die den Mastiff so besonders machen: Er hört nicht einfach nur zu – er scheint sich manchmal tatsächlich noch eine eigene Meinung dazu zu bilden.
Fachliche Grundlagen und weiterführende Quellen
Die wissenschaftliche Forschung zu hündischer Kognition untersucht unterschiedliche Fähigkeiten wie Lernen, Gedächtnis, Problemlösen, Impulskontrolle und soziale Kognition. Belastbare Untersuchungen speziell zur Intelligenz des English Mastiff sind dagegen kaum vorhanden. Deshalb trennen wir in diesem Beitrag bewusst zwischen allgemeinen wissenschaftlichen Erkenntnissen und unseren persönlichen Erfahrungen mit der Rasse.
- Fédération Cynologique Internationale (FCI): Rassestandard Mastiff, Nr. 264
- Junttila et al. (2022): Breed differences in social cognition, inhibitory control, and spatial problem-solving ability in the domestic dog
- Helton (2010): Does perceived trainability of dog breeds reflect differences in learning or physical ability?
Ihr möchtet den Mastiff näher kennenlernen?
Intelligenz und Erziehung sind nur ein Teil dessen, was den Mastiff ausmacht. Ebenso wichtig sind sein Charakter, seine Entwicklung, eine sorgfältige Aufzucht und die Frage, ob diese besondere Rasse wirklich zum eigenen Alltag passt.
- Unsere English Mastiffs kennenlernen
- Weitere Ratgeber rund um den Mastiff
- Unser ausführliches Mastiff-Rasseporträt
- Welpen & Wurfplanung
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